Musiktherapie & Klangtherapie – ein Interview mit Christian Marquardt

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Musik- und Klangtherapie sind eine häufig unterschätze Form der Behandlung für alle denkbaren Krankheitsbilder der heutigen Gesellschaft. Körperliche wie psychische Leiden können durch den Einsatz von Tönen in Verbindung mit der richtigen Strategie eines ausgebildeten Therapeuten gelindert oder sogar komplett geheilt werden. Viele wissen gar nicht um die Möglichkeiten, welche sich durch Musiktherapie und Klangtherapie ergeben.

Deshalb sind wir sehr glücklich, dass wir Christian Marquardt, einen echten Experten auf diesem Gebiet, für ein Interview gewinnen konnten. Christian hat sich die Zeit genommen, unsere Fragen zum Thema Musik- und Klangtherapie sowie zu seiner Person zu beantworten.

Christian Marquardt – Musik- und Klangtherapeut

Christian Marquardt_Musiktherapie_Klangtherapie

Christian Marquardt: Musik- und Klangtherapeut & Musiker

 

Das Interview

Jorma:
Christian, Du bist ausgebildeter Therapeut für Musiktherapie und Klangtherapie. Was genau ist das und wie können wir uns den Ablauf einer einzelnen Therapiestufe sowie der gesamten Therapie (also das Zusammenwirken einzelner Sitzungen) vorstellen?

Christian:
Die Musik- und Klangtherapie hat ihre Anfänge in der Antike, in der die Möglichkeit gesehen wurde, seelische Ausdrucksweisen zu hinterfragen und zu verstehen sowie „dämonische“ Eigenarten auszutreiben. Diese Form der Therapie hat also im Grunde eine lange „Tradition“, dennoch ist erst in den letzten Jahren durch ein aufkommendes Bewusstsein bzw. eine Änderung der Sichtweisen gegenüber psychischen, somatischen, psychosomatischen Erkrankungen und Störungen eine Inanspruchnahme dieser und ähnlicher „Alternativtherapien“ gängiger geworden.

In der Musik- und Klangtherapie geht es auch um die Grundsatzfragen „Was macht Musik mit uns?“, „Wie beschäftigt sie uns?“, „Was bewegt sie in uns?“. Viele können in und mit ihr Erfahrungen, Gefühle (Trauer, Schwere, Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Glück etc.), Anreize, Ideen, assoziieren und gegebenfalls fühlen. Eine Aufgabe z.B. ist es in einer bzw. in mehreren Therapiesitzungen, mit den Klienten die Essenz der Gefühle, den Ausdruck derer und einen oder mehrere Kanäle zu finden, damit der Klient adäquat mit ihnen umgehen kann. Der Klient steuert indirekt seinen Prozess, in wie weit Unbewusstes bewusst werden kann. Diese Prozesse werden in der Musik- und Klangtherapie somit angeregt, kanalisiert und teils unbewusst / teils bewusst zum Ausdruck gebracht. Der emotionale Ausdruck ist eines der Grundthemen, dennoch haben Musiktherapie und Klangtherapie auch andere Aufgaben, wie z.B. Konzentration schaffen / verbessern, Sinneserfahrungen konkret erleben, Entspannung fühlen und vieles mehr.

Eine Therapiestunde kann ich nicht einfach generalisieren, dennoch möchte ich sie Ansatzweise beschreiben. Ein Annamnese-Gespräch mit dem Klienten ist notwendig, um die persönlichen und biographischen ‚Grunddaten‘ kennen zu lernen, auch um einen ersten Eindruck vom Teilbild zu bekommen. Hierbei beginnt bereits der 2. Schritt für den Klienten…der Klient setzt sich mit sich selbst bereits vor der ersten Therapiestunde auseinander und im Annamnese-Gespräch nochmal bzw. auf eine andere Weise. Und das gibt dem gesamten Ansatz der Therapie eine größere Bedeutung, denn der Prozess hat schon begonnen! :-)

Danach steigen wir in den aktiven bzw. rezeptiven Prozess ein. Aktiv bedeutet; der Klient sucht sich ein Instrument aus oder ich schlage ihm, meist aus therapeutischer Sicht, ein Instrument vor.
In der aktiven Musiktherapie spielen auch Dynamiken, Intensitäten, Ausdrucksweisen, Instrumentenwahl, Interaktionen eine prägende Rolle.

Es kann ebenso ums Hören/Zuhören der Musik/Klänge gehen. Dieses wird dann als rezeptive Musiktherapie im Grond bezeichnet. Dabei richten wir dem Klienten eine entspannende Liege- oder Sitzfläche ein, damit er der Musik, den Klängen, die per Player oder von mir gespielt werden, lauschen kann, um eventuelle meditative, entspannende Momente zu schaffen. Aber natürlich werden auch hier manchmal Gefühle freigesetzt, die so oder bisher in anderer Form zu Tage gekommen sein können. Es bewegt/entspannt/oder kanalisiert sich also Etwas…dies ist natürlich individuell- und ausdrucksabhängig.

Je nach dem können in den einzelnen Phasen der Stunden auch mal Zwischengespräche statt finden, wobei es hierbei mehr um den therapeutischen Prozess des Fühlens, Zulassens und manchmal auch Aushaltens geht.

Nach einer jeweiligen ‚Sitzung‘ wird geschaut, ob und wie weit der Klient bereit und in der Lage ist, die Dinge zu verbalisieren und in wie weit ich interagiere und durch Fragestellungen und Inkenntnissnahme der verbalen und nonverbalen Signale darauf auch eingehen kann.

Jorma:
Gibt es bestimmte Krankheitsbilder, für die sich Musiktherapie besonders gut eignet? Werden mit dieser Form der Therapie nur psychische oder auch körperliche Beschwerden behandelt?

Christian:
Krankheitsbilder, die sehr von Musik- und Klangtherapie profitieren können:

  • verschiedene Formen der Depressionen
  • Borderline-Störungen
  • Suchterkrankungen
  • Entwicklungsstörungen in psychischen, sozialpsychischen Bereichen
  • chronische Erkrankungen
  • Tinnitus
  • Angststörungen
  • Wachkoma
  • Parkinson
  • Demenz
  • uvm.

Da Körper und Seele als Konstrukt zusammen gehören, sollte man sie als solches nicht separieren sondern im Zusammenhang sehen.
– Der Körper wirkt auf die Seele, die Seele wirkt auf den Körper –
Hier kann Musik- und Klangtherapie ansetzen.

Dies ist mit vereinzelten Ausnahmen so zu betrachten und zu verstehen.
Wie oben beschrieben werden psychische, somatische und psychosomatische Störungen/Folgeerscheinungen therapiert.
Musiktherapie wird aber auch zur Prävention, Rehabilitation und Nachsorge eingesetzt.

Jorma:
Viele Menschen halten Musik- und Klangtherapie für Esoterik oder meinen, es gehe um Placebo-Effekte. Gibt es nachweisliche Effekte, welche medizinisch anerkannt sind?

Christian:
Musik- und Klangtherapie hat medizinisch-wissenschaftlich eine anerkannte und prägnante Rolle. Gemessene wissenschaftliche neurologische-psychologische-somatische Prozesse/Ergebnisse sind nachgewiesen und Wirkungen/Wirkungsmechanismen anerkannt/etabliert worden.

Jorma:
Viele Menschen versuchen heutzutage, sich durch Übungen zu Hause selbst zu therapieren (z.B. Yoga oder Entspannungsübungen). Ist sowas bei leichten Beschwerden, z.B. Stress, auch mit Musiktherapie denkbar?

Christian:
Entspannungstechniken / Meditativtechniken sind überaus unterschätzt. Sie finden auch in der Musik- und Klangtherapie ihre Akzeptanz und Relevanz, so z.B Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation etc. Auch hierbei werden neurologisch-synaptische, additive Verknüpfungen und Tiefen (je nach Übung) erreicht.

Also, absolut auch etwas für zu Hause!! :-)
Ich kann dies sogar nur empfehlen, da wir uns in dem teils fehlgeleiteten und Di-Stressorientierten, bestimmten Alltag selten Auszeiten gönnen. Somit handelt es sich bei Anwendung ein kleiner, bedürfnissorientierter und selbstinitiierter Alltag.

Ein Tipp für eure Leser: Kurse für Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung an der Volkshochschule oder privat (z.B. durch die Artkel in eurem Blog) oder auch CD’s im Handel. Natürlich sind auch Yoga oder andere meditative Techniken gute Möglichkeiten.

Jorma:
Werden Musik- und Klangtherapie durch Ärzte verschrieben und zahlt die Krankenkasse diese Formen der Therapie?

Christian:
Musik- und Klangtherapeuten werden kassenärztlich leider bisher unzureichend unterstützt. Es gibt Programme in den Privatversicherungen, die die Therapie subventionieren, in den gesetzlichen Krankenkassen sind aber leider Zusatzversicherungen notwendig.

Jorma:
Als Musiktherapeut machst Du doch mit Sicherheit selbst Musik, oder? Welches ist/sind Dein,e Instrument,e und welche Musik hörst du selbst gern.

Christian:
Natürlich höre und mache ich gerne Musik! :-). Auch ich habe die Musik als einen Ausdruck für mich (Anfangs unbewusst, später bewusst) genutzt bzw. nutzen können. Sie gibt mir viel und ist ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens!

Ich bin hauptsächlich Gitarrist, spiele seit ca. 20 Jahren autodidaktisch und habe auch viel in meinen Bands dazulernen dürfen und können. Ich höre gerne progressiven Rock/ Metal, Post/Sludgerock aber auch Jazz, Klassik und Neoklassik. Rock, Krautrock, Psychedelic-Rock auch zwischendurch mal Pop oder Rap. Mit Volksmusik und Chartmusik kann ich teils nicht viel anfangen, außer es bezieht sich auf die Therapie ;-).

Ich mag Bands wie Tool, Isis, Jakob, Pelican, Wishbone Ash, Pink Floyd, alte Genesis, Coldplay, Ludovico Einaudi, Karnivool etc…

Meine derzeitige Band heißt Kollapsin
und wir machen einen Mix aus Progressiven Metal/Post-Rock. Es bringt viel Spaß und wir sind dabei, unser erstes Album zu kreieren. Sind sehr gespannt :).

Kollapsin_Band_Christian Marquardt

Christian Marquardt mit seiner Band ‚Kollapsin‘

 

Jorma:
Christian, ich möchte Dir wirklich vielmals für Deine Zeit und Deine Offenheit danken! Hast du für unsere Leser noch ein paar Worte zum Abschluss?

Christian:
– Hauptsache wir leben und lieben die Musik und haben auch an manchen Tagen viel Spaß –

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Über den Autor

Jorma Bork
Jorma Bork

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